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Die WAAGE ist ein Kind ihrer Zeit und dieser gleichzeitig weit voraus. In ihr spiegelt sich der Einfluss amerikanischer Wirtschafts- und Managementmodelle genauso wider, wie das amerikanische Verständnis von PR und Massenbeeinflussung. Die WAAGE-Aktionen richten sich auf eine Stabilisierung der wirtschaftspolitischen Verhältnisse und eine Harmonisierung sozialer Gegensätze. Die WAAGE-Macher haben einen modernen Begriff von Öffentlichkeit und zielen mit ihrer Kommunikation auf Integration, Schaffung von Identität, Akzeptanz und Belehrung. Es herrscht die Überzeugung, dass Beeinflussung nur mit und nicht gegen die öffentliche Meinung möglich sei. Gleichwohl ist die Publikumsansprache sehr senderlastig; dialogische Konzepte, die die Bevölkerung in die Kommunikation einbinden würde, fehlen.

Bezüglich Konzeption, Gestaltung, Distribution und Evaluation ist die Kampagne ihrer Zeit weit voraus. Aus der Zusammenarbeit mit der Werbeagentur Brose entsteht ein ganz eigener, erfolgreicher Kommunikationsstil, der einerseits Elemente der Wirtschaftswerbung aufnimmt, andererseits, was die pädagogischen Aspekte angeht, weit darüber hinaus geht. Die starke Textorientierung stellt ein kommunikatives Merkmal dar, das die Instrumente der Kampagne deutlich vom Gros der Produktwerbung unterscheidet. Manche Elemente stammen zwar aus NS-Zeiten – wie zum Beispiel die Protagonisten „Fritz und Otto“ – werden aber weiterentwickelt und seitdem immer wieder kopiert. Neu ist auch die permanente und intensive Wirkungskontrolle durch ein Markt- und Meinungsforschungsunternehmen (Institut für Demoskopie, Allensbach).

Kritisieren kann man die mangelnde Transparenz und den – aus heutiger Sicht - allzu persusasiven Charakter der Kampagne. Es hat den Anschein, als vertrete der Verein die Interessen der Bevölkerung und verfolge dabei komplett uneigennützige Ziele; dabei stehen hinter der Kampagne auch rein privat-wirtschaftliche, unternehmerische Interessen.

Was die eigentliche Wirkung der Kampagne angeht, so ist diese naturgemäß schwierig zu evaluieren. Fakt ist aber, dass sich die Kommunikationsziele der WAAGE mit erreichten Ist-Zuständen der bundesrepublikanischen Gesellschaft decken. Es bleibt die historische Leistung des Vereins, zur Verankerung der „Sozialen Marktwirtschaft“ sowohl als griffige Formel, aber auch als Inhalt in den Köpfen der Bevölkerung beigetragen zu haben. Die Kampagne hat es in Zusammenarbeit mit anderen geschafft, zwei Mythen zu kreieren, die bis heute Bestand haben und immer wieder in der bundesdeutschen Debatte aufgegriffen werden: den Mythos der „Sozialen Marktwirtschaft“ als Grundstein für den Erfolg der BRD nach 1945 und den Mythos Ludwig Erhard als Vater des Wirtschaftswunders.